Kulturerbe sollte verbinden. Es sollte die Geschichte der Menschheit in ihrer ganzen Komplexität bewahren – mit allen Völkern, Religionen und Epochen, die an einem Ort ihre Spuren hinterlassen haben. Doch im Nahen Osten wird Archäologie zunehmend zum Schauplatz eines politischen Kampfes. Die Entscheidung der UNESCO, Sebastia – das antike Samaria, die Hauptstadt des biblischen Nordreichs Israel – als Welterbe und zugleich als „gefährdetes Welterbe“ im „Staat Palästina“ aufzunehmen, dessen Geschichte christlich und muslimisch (das jüdisch wurde hier im Bericht ausgelassen) geprägt ist, zeigt erneut, wie umkämpft historische Erinnerung geworden ist.
Sebastia ist weit mehr als ein palästinensisches Dorf im heutigen Samaria (Westjordanland). Der Ort blickt auf eine Geschichte von mehr als 3.000 Jahren zurück. Hier befand sich Samaria, das politische Zentrum des israelitischen Königreichs. Die Namen der Könige Omri und Ahab, die in der Bibel eine zentrale Rolle spielen, sind untrennbar mit diesem Ort verbunden. Dafür steht der Palast der Omriden-Dynastie. Ausgrabungen auf dem Akropolis-Hügel von Samaria/Sebastia legten monumentale Gebäude frei, die mit der Zeit von König Omri (9. Jh. v. Chr.) und seinen Nachfolgern verbunden werden.
Natürlich gehört Sebastia auch zur Geschichte späterer Epochen – der hellenistischen, römischen, byzantinischen und islamischen Zeit. Doch eine Darstellung, die die jüdische und israelitische Dimension dieses Ortes verdrängt, wird der historischen Wahrheit nicht gerecht.
Genau hier liegt das Problem: Nicht die Anerkennung palästinensischer Geschichte ist fragwürdig. Palästinensische Geschichte verdienen selbstverständlich Schutz. Problematisch wird es dort, wo aus einem gemeinsamen, vielschichtigen Erbe ein exklusives nationales Narrativ gemacht wird, in dem die jüdischen Wurzeln des Landes verschwinden.
Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits in Hebron. Die UNESCO nahm 2017 die Altstadt von Hebron einschließlich der Patriarchengräber auf Antrag der Palästinensischen Autonomiebehörde in die Liste des Weltkulturerbes auf. Für Juden ist die Höhle Machpela – das Grab der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob sowie ihrer Frauen – einer der heiligsten Orte überhaupt. Die jüdische Verbindung zu Hebron reicht über Jahrtausende zurück. Trotzdem wurde der Ort international häufig vor allem unter dem Label „palästinensisches Kulturerbe“ dargestellt. Hebron gehört heute zum UNESCO-Welterbe der Palästinensischen Gebiete.
Noch deutlicher wird der Streit um Erinnerung auf dem Tempelberg in Jerusalem. Dort befinden sich die heiligsten Stätten des Judentums: der Ort des Ersten und Zweiten Tempels. Seit Jahren kritisieren israelische Archäologen, dass durch Bauarbeiten unter Verwaltung des islamischen Waqf historische Zeugnisse beschädigt oder entfernt und auf Müllhalden entsorgt worden seien. Das Temple Mount Sifting Project setzt sich deshalb dafür ein, aus abtransportierter Erde des Tempelbergs archäologische Funde zu sichern – darunter zahlreiche Artefakte, die die jahrtausendealte jüdische Präsenz auf diesem Gelände dokumentieren.
Auch die palästinensische Tourismus- und Kulturpolitik steht immer wieder in der Kritik, weil jüdische Bezüge zu historischen Orten nicht erwähnt oder gezielt als Lüge bezeichnet werden. Dabei geht es nicht darum, palästinensische Geschichte zu bestreiten. Es geht um die einfache historische Wahrheit: Dieses Land hat viele Geschichten – aber eine davon ist die jüdische Geschichte Israels.
Archäologie ist keine Abstimmung. Steine lassen sich nicht politisch umbenennen. Inschriften, Münzen, Bauwerke und religiöse Traditionen erzählen eine Geschichte, die älter ist als moderne nationale Bewegungen.
Wer Kulturerbe schützen will, muss bereit sein, die gesamte Geschichte zu bewahren. Dazu gehört die christliche, muslimische und palästinensische Vergangenheit ebenso wie die jüdische und israelitische Vergangenheit. Die Auslöschung oder Marginalisierung jüdischer Geschichte ist keine Friedenspolitik – sie ist eine Verfälschung des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit.
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